Warum kann die Schwäche in der SWOT-Analyse so wertvoll sein?

Die Beschäftigung damit, was ich – bzw. meine Organisation – nicht gut kann

 

Die „altbekannte“ SWOT-Analyse. Sie wird in verschiedensten Kontexten unterrichtet, hergezeigt, erläutert. Und doch habe ich sie im Arbeitsalltag selten gesehen. Zugegeben, in den letzten paar Jahren wurde sie doch immer wieder genannt. Erlebt habe ich sie allerdings nicht oft.

Doch woran mag das liegen?

Oftmals, wenn ich mit anderen über das Thema SWOT gesprochen habe, wurde mir ein „Ja, ist klar, kenne ich vom Studium.“ transportiert. Habe ich dann nachgefragt oder mir verschiedene Fragen zum Thema SWOT-Analyse einfach „ergoogelt“, waren im Detail doch unterschiedliche Erläuterungen, die ans Tageslicht traten.

 

Hypothese #1: Unterschiedliches Wording wird unterschiedlich verstanden.

Opportunities und Threats kenne ich übersetzt als „Chancen“ und „Risiken“, aber auch als „Möglichkeiten“, „Gelegenheiten“ beziehungsweise „Bedrohungen“ im Sinne von „Gefahr“.

Ich persönlich verstehe darunter etwas unterschiedliche Sachen. Und das werden andere Menschen auch tun, nehme ich einmal naiv an. Auch wenn der Unterschied nicht groß sein mag: ich bin davon überzeugt, er existiert.

Meine Empfehlung #1: Bei der Arbeit mit der SWOT-Analyse ist es sinnvoll, die Überschriften immer gleich zu lassen. Und zu Beginn eines Workshops abzugleichen, was die Teilnehmer*innen darunter verstehen.

 

Hypothese #2: Jede*r hat etwas andere Erfahrungen damit, ob etwas „Brauchbares“ herauskommt.

Ich habe Menschen erlebt, die nur im „Lernmodus“ im Studium damit gearbeitet haben und beim ersten Mal „in echt“ immens wertvolle Beitrage eingebracht haben. Dies beruht meiner Meinung nach auf den Fragen, die pro Quadrant gestellt werden.

Meine Empfehlung #2: Mit Leitfragen arbeiten. Und hier nicht eine pro Quadrant, sondern mehrere.

Zum Beispiel so:

Stärken:

  • Was glauben wir, gut zu können?
  • Wo haben wir bereits gute bis sehr gute Performance?
  • Warum können wir diese als Stärke bezeichnen?
  • Was wissen wir - anhand von Feedback - gut zu können?

Schwächen:

  • Worin fühlen wir uns "schlecht" in unserer Perfomance?
  • Zu welchen Themen, Punkten bekommen wir Feedback mit viel Verbesserungspotential?
  • Welche Themen verursachen uns "Bauchweh"?

Chancen / Gelegenheiten:

  • Was erkennen wir als (weitere) Möglichkeiten, die wir noch nicht betrachtet haben?
  • Wo können wir noch - über bestehende Themen hinaus - Potential heben?
  • Welche weiteren Themen glauben wir, bringen uns weiter?

Bedrohungen / Gefahren (Risiken):

  • Welche Themen, Dinge, Parameter empfinden wir als Bedrohung?
  • Wo sind wir unsicher?
  • Worüber wissen wir zu wenig?
  • Was betiteln wir als "Gefahr" für uns?


Hypothese #3: Die SWOT-Analyse wird als Stand-Alone-Tool verstanden.

Diese Sichtweise habe ich nicht. Hat eine Organisation eine Chancen-Risiken-Betrachtung durchzuführen, zum Beispiel aufgrund einer Normforderung, so kann der Part Opportunities und Threats als Chancen und Risiken definiert werden und nach Erstellung der SWOT mit einer Bewertung versehen werden. Dies schafft eine Überschneidung mit einem anderen Werkzeug – und spart somit Zeit ein.

Meine Empfehlung #3: Die SWOT immer in einen Kontext zu stellen: Wozu mache ich sie, welche Verknüpfungen hat sie, und wofür könnte ich das Ergebnis noch nutzen.

 

Hypothese #4: Eigene Schwächen aufzulisten und zu besprechen passt nicht immer zur Fehlerkultur der Organisation.

Was können wir nicht gut? Die Antwort auf diese Frage mag ein Zugeständnis sein. An Anforderungen, die vielleicht doch nicht so perfekt erfüllt werden, wie es die Homepage darstellt. An Ziele, die mitunter doch nicht so easy aus dem Handgelenk erreicht werden (Hier würde ich auch die Frage der Sportlichkeit stellen). Und schlussendlich ist die Reaktion auf die Antwort ein Indikator der Selbstreflexion, der eigenen Kritikfähigkeit und der Vorstellung des Eisbergmodells. Durch die Antwort „Was kann ich nicht gut“ kommen keine Verfehlungen an die Oberfläche. Sondern vielmehr Ressourcen im Sinne von Möglichkeiten, wirklich besser zu werden.

Das mag der schwerste Teil von allen sein. Opportunities und Threats sind externe Einflussfaktoren. Extern im Sinne extern zur betrachteten Einheit, zum betrachteten Prozess. Falls da etwas nicht passt, bin ja ich selber nicht schuld. Die Stärke ist etwas, wo ich mich herzeigen kann. Nur der Quadrant der Schwäche zeigt auf, wie Verantwortung übernommen wird, wenn etwas noch nicht so gut – oder auch gar nicht – funktioniert.

Meine Empfehlung #4: Dieses Werkzeug so zu betrachten. In diesem Sinne ist jede ernst betriebene SWOT-Analyse eine Schatzsuche, die – mit den richtigen Fragen geführt – immer von Erfolg gekrönt ist.